Das Wort Vertrauen hat vom Wortstamm her, mit dem Ver- vorne dran, eine grosse Einschränkung.

Während das Trauen mir klar sagt, ich darf leben mit allen Konsequenzen, beschränkt sich das Vertrauen nur auf einen Teilaspekt dessen.

Trauen hat etwas mit Mut, Freiheit, Liebe (ich traue es mir zu) zu tun. Wenn ich sage, ich traue dir, übernehme ich auch die Verantwortung für das, was ich sage. Ich traue dir dieses oder jenes zu. Ich lasse es offen, was der andere damit macht. Er ist frei (somit auch ich). Er kann entscheiden, ob er das macht, was ich will oder erwarte.Wir führen unsere/n Geliebte/n auch vor den Traualtar und nicht dem Vertraualtar. Denn es wird alles sein, wie in Krankheit und (keine Ahnung, was da noch alles gesagt wird/wurde…). Hier traue ich mir zu, mit dem Anderen ein Leben gemeinsam zu führen und übernehme dafür die Verantwortung.

Anders beim Vertrauen. Hier kommt ein weiterer Aspekt rein. Der Aspekt der Einschränkung mit dem Suffix „ver“. Hier traue ich meinem Gegenüber nicht mehr alles zu, sondern hier erwarte ich etwas Bestimmtes. Weitere Beispiele sind: Fahren – verfahren; hören – verhören; sprechen – versprechen; lieben – verlieben. Beim letztgenannten „Wortpärchen“ wird es besonders deutlich. Während ich liebe, liebe ich die ganze Welt, das ist Liebe, ohne Einschränkung, ohne Habenwollen etc.. Wenn ich mich aber verliebe, schränkt sich das Ganze auf einen winzigen Aspekt zusammen: Dem Gegenüber… (siehe auch hier)

Was will denn der Verliebte, wenn er seiner Geliebten sagt, ich vertraue dir!? Er will, dass sie das tut, was er will und erwartet. Warum schreiben die Verliebten das Wort Vertrauen in ihrer Beziehung so hoch? Ganz klar, es hat etwas mit Kontrolle zu tun. Wenn ich dem anderen sage, ich vertraue dir, bedeutet es (insgeheim), ich lasse dich gehen, aber enttäusche mich nicht! Du kennst meine Vorstellungen, halte sie ein! Glaubt ihr nicht? Alles klar, dann die Frage, was passiert, wenn das „Vertrauen“ missbraucht wurde? Ihr fühlt euch miserabel, ihr seid verletzt! Was wollt ihr mit dem verletzt sein? Ihr wollt dem Anderen eine Schuld obtruieren! Damit er jetzt wieder lieb zu euch ist. Also konntet ihr dem Anderen keine freie Wahl lassen… Vertrauen in der Beziehung bedeutet Kontrolle haben zu wollen! Ich kontrolliere mein Gegenüber oder sogar mich selbst.

Wenn ich Vertrauen in mir spüre, bedeutet dass, dass sich mein Leben in eine bestimmte (positive) Richtung bewegt. Ich habe also wieder Kontrolle über mein Leben. Aber ist Leben gleichbedeutend mit Kontrolle? Ist nicht gerade das Unvorhersehbare genauso ein Aspekt des Lebens? Wenn ich Erzengel Michael vertraue, so glaube ich, dass er gut (positiv) für mich ist. Wenn ich sage, ich traue Erzengel Michael, so bedeutet es, dass, egal was er macht, es für mich richtig ist (aus seiner Sicht!), auch wenn ich mich dadurch vielleicht (erst einmal) schlechter fühle. Ich kann ihn dann lassen. Das kann ich beim Vertrauen leider nicht.

Wenn ich mich also im Vertrauen übe, übe ich mich im kontrollieren von etwas. Damit lasse ich dem Leben keinen Spielraum mehr. Ich kontrolliere den Weg des Lebens. Zumindest versuche ich es. Vertrauen bedeutet nicht Wachstum, sondern Verhaftung am Irdischen, am Ego.

Wenn du sagst, „wenn ich mich im tiefen Vertrauen aufhalte, dann fühlt es sich an, als bin ich geschützt, es bewegt mich ganz tief in meinem Herzen und alles ist gut.“ Dies ist verständlich, denn der Mensch braucht aus seinen Grundbedürfnissen heraus Sicherheit. Und wenn du im Vertrauen bist, bist du in der Kontrolle deiner Sicherheit. Je mehr Sicherheit kommt, desto mehr Vertrauen kommt… Doch wo bleibt das Leben dort? Ist es wirklich das zielgerichtete Leben, was erstrebenswert ist? Lässt man dann dem Leben noch die Chance sich ständig verändern zu können? In dem einen Augenblick zufrieden, in dem nächsten todtraurig… das ist doch Leben, oder!? Darf das dann noch sein?